Aegir-RSC Triathlon 70.3 World Team Relay

 

Erkner / Chattanooga (USA) 10. September 2017

2 Kontinente, 2 Wettbewerbe, 1 Distanz, 1 Gemeinschaft – Mit diesen Zahlen lässt sich eine einmalige Situation zweier Triathleten (André Walther und Franz Bayer) beschreiben, die am selben Tag über die gleiche Distanz in Europa und den USA mit 6 Stunden Zeitverschiebung an den Start gingen. Die Mitteldistanz (MD) – auch als IRONMAN 70.3® bezeichnet – besteht dabei aus ~ 1,9km Schwimmen, ~ 90km Radfahren und ~ 21km Laufen. Während André auf der Mitteldistanz debütierte, nahm Franz an den Weltmeisterschaften teil.

Aber der Reihe nach:

Getrieben von der Idee, seine eigenen Grenzen immer wieder neu kennenzulernen und weiter zu verschieben, kam André schon zum Triathlon. Vom ersten Saisonverlauf und stetigen Trainingsfortschritt ermutigt, war ihm die Olympische Distanz (OD) irgendwann zu wenig. Ein voller IRONMAN® (3,8km Schwimmen, 180km Radfahren und 42,195km Laufen) kommt bisher für ihn nicht in Frage, da er sich auch erst gerade am Ende seiner zweiten Saison als Triathlet überhaupt befindet. Aber da gibt es ja noch den kleinen Bruder, den IRONMAN 70.3®. Der scheint doch machbar. Der Sprung beim Schwimmen beträgt von der Olympischen Distanz zur Mitteldistanz lediglich 400 Meter, die 90km auf dem Rad kennt er bereits gut aus dem Training und auf der Halbmarathonstrecke ist er auch erfahren. Warum also nicht mal alle drei Dinge hintereinander machen? Dazu sollte es eine MD möglichst spät in der zweiten Saison sein. Der Veranstaltungskalender der Deutschen Triathlon Union (DTU) spuckte dazu einen Triathlon in der Nähe von Berlin aus, der erste „Erkner Triathlon“. Der Veranstalter organisierte bisher mit der „Night of the Jumps“, eine Motocross-Veranstaltung und nahm sich mit Stadler einen erfahrenen Partner hinzu. Tatsächlich war es eine wirklich gut organisierte Veranstaltung, die Lust auf ein neuerliches Wiedersehen macht. Die Wechselzone befand sich nur 85 Meter vom Ufer des Dämeritzsees entfernt und auf einem leicht erhöhten Sportplatz. Eine Überflutung, wie in Stuhr oder Wilhelmshaven, war somit fast komplett ausgeschlossen. Der Organisator verstand sein Handwerk und so konnte man sich als Athlet nicht verschwimmen, verfahren oder verlaufen, da alles gut ausgeschildert oder mit Helfern besetzt war. Im Vorfeld holte man sich zudem fachkundigen Rat von Lothar Leder ein, der die Radstrecke begutachten sollte. Die Strecke wurde daraufhin bis zum letzten Tag vor dem Rennen optimiert, was man als Athlet deutlich spüren sollte. Viele Unebenheiten wurden kurzfristig beseitigt oder farblich markiert, sodass man Schlaglöcher oder ähnliches bereits aus einiger Entfernung erkennen konnte.

Am Wettkampftag bescherte Petrus den MD-Teilnehmern morgens kühle 15°C Luft- und 17°C Wassertemperatur sowie einen wolkigen Himmel. Pünktlich zum Halbmarathon riss die Wolkendecke aber auf und die Temperaturen zogen an.

Nach dem Einschwimmen, um kurz vor 9 Uhr, kamen schon Gedanken auf, wie man in einem so kalten Wasser überhaupt die 1,9km überstehen sollte. Zum Glück wurde der Neoprenanzug für die Mitteldistanz freigegeben, was dem einen oder anderen Athleten ein Lächeln ins Gesicht zauberte. Im Dämeritzsee war ein Kurs in Form eines Vierecks mit jeweils 850 Metern zweimal zu umrunden. Einmal im Wettkampfmodus drin, waren André die Umgebungsbedingungen plötzlich egal und er sollte sein bisher bestes Rennen als Triathlet überhaupt machen. Er hatte nur ein Ziel: Unter 6 Stunden bleiben und Franz, der ungefähr 6 Stunden nach ihm starten sollte, auf die Reise schicken. Zurück zu Ersterem: Nach 36 Minuten stand André in der Wechselzone und musste zweimal auf die Uhr gucken, bis er glauben konnte, dass keine 40 Minuten seit dem Startschuss vergangen waren und er schon auf das Rad durfte. Dieses gute Ergebnis sorgte für zusätzliche Konzentration und Motivation bei der nun folgenden Teildisziplin.

Die Radstrecke bestand aus einer jeweils 6,5km langen An- und Abfahrt und einer ca. 27km langen Runde, die dreimal zu umrunden war. Sie war wellig, kurvig und ließ trotzdem schnelle Zeiten zu. Man konnte der Strecke also durchaus einen gewissen Spaßfaktor zuschreiben. Jedoch war auch der Windeinfluss auf der Strecke nicht zu vernachlässigen und irgendwann zeigte auch das wellige Profil seine Wirkung auf die Muskulatur. Auf dem Rad herrschte bei André Vorsicht, da er nicht einschätzen konnte, wieviel Kraft er beim Halbmarathon (HM) tatsächlich noch benötigen würde. Folglich hielt er sich streng an seinen selbstgesetzten Leistungsbereich. Nach 3 Stunden, die wie im Flug vergingen, stand er dann zum zweiten Mal in der Wechselzone und ging auf die Laufstrecke.

Der Halbmarathon bestand aus einer 10km-Pendelstrecke, die zweimal zu bewältigen war. Zu einer Runde gehörten ein Wendepunkt nach 5km sowie eine Stadionrunde. Die Strecke führte durch Erkner zurück auf einen Teil der Radstrecke und retour. Noch mit dem Geschwindigkeitsgefühl der Radstrecke im Körper wurden die ersten 10km in unter 50 Minuten gelaufen. Klar, dass da im Kopf die Hölle los war und die ersten Hochrechnungen der Halbmarathonzeit sowie die Bedeutung dieser Zeit für die Gesamtzeit losgingen. Gleichzeitig kehrte auch hier wieder die Vorsicht ein und so lief er den HM ebenfalls in einem selbstgesetzten Leistungsbereich. Auf der zweiten Runde galt dann zeitweise das Motto: „Der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach.“ Je länger der Halbmarathon dauerte, desto müder wurden die Beine, sodass die Kilometer 14-19 schon nicht mehr ganz so leicht liefen. Am letzten Verpflegungspunkt in der Stadt, ca. 1,5km vor dem Ziel, bekam André nochmal Auftrieb. Plötzlich wurde wieder die Lauftechnik aus den unzähligen Wintertrainingseinheiten angewendet. Kniehub, Läufer-Dreieck, lockere Schultern, alles was zwischen den Kilometern 14-19 abhandenkam, war plötzlich wieder da. Dementsprechend motiviert und mit dem Ziel vor Augen wurde der letzte Kilometer nochmal in unter 5 Minuten gelaufen. Auf den letzten 300m im Stadion auf der Laufbahn angekommen, gab es für den Vertreter des SV Aegir 09 kein Halten mehr. Er wollte noch einmal wissen, ob man am Ende einer Mitteldistanz nicht die letzten 300 Meter doch noch in unter 1 Minute laufen kann. Die Antwort lautet: Ja, André konnte es. Woher allerdings die Kraft für den Sprint kam, bleibt bis heute ungeklärt. Im Ziel angekommen, musste er länger auf seine Uhr sehen, bis er wirklich glauben konnte, dass er sein Ziel „sub 6“ (unter 6 Stunden bleiben) soeben sehr weit unterboten hatte. Diese Gesamtzeit von 05:32:26 Std. war also deutlich besser, als er sich das hätte jemals vorstellen können. Nur eine Handvoll Leute hatten ihm vergleichbare Zeiten prognostiziert, so auch Franz, mit dem in den letzten Wochen vor dem Wettkampf ein reger Austausch stattfand. Entsprechend glücklich ist André mit dem Debüt auf der Mitteldistanz.

Mit dem Trikot des RSC Göttingen als „Staffelstab“ schickte er dann Franz Bayer, einem ehemaligen SV Aegir-Mitglied, in Chattanooga, Tennessee (USA) auf seine Jagd nach Zeiten und Franz lieferte…

…Franz Bayer entdeckte im Jahr 2013 den Triathlon für sich und startete mit dem Triathlon-Training im SV Aegir 09 Hannover. 2015 fokussierte Franz sein Training auf die Mitteldistanz, nahm erfolgreich am ICAN® in Nordhausen teil und beim IRONMAN 70.3® in Jönköping in Schweden. Dort startete Franz mit Christoph Ochs und Rickard Ullmann (beide SV Aegir 09 Hannover) und sicherte sich 2016 einen WM-Slot für die IRONMAN 70.3 World Championship 2017® in den USA. Daraufhin richtete Franz sein Training neu aus und fokussierte die 70.3-Weltmeisterschaft als absoluten Höhepunkt. Coaches und Physiotherapeuten wurden sorgfältig ausgewählt und Franz konnte schon im Frühjahr des Jahres erste Erfolge sowie Leistungssprünge verzeichnen und durchaus positiv in die Saison 2017 starten.

In Hannover, beim Wasserstadt Triathlon, zeigte Franz, schon im Juni, einen starken Auftritt und wurde Gesamtfünfter über die Mitteldistanz. Dieser Wettkampf war für Franz eine gelungene Generalprobe auf dem Weg zu den World Championship im September. Gestärkt mit einer Portion Motivation fokussierte Franz seine Schwächen im Training und arbeitete viele Stunden in der Woche.

Eine Woche vor Start der World Championship reiste Franz nach Chattanooga (Tennessee – USA), um sich ausreichend zu akklimatisieren und Streckenkenntnisse zu sammeln. Die Rennen der Frauen und Herren wurden erstmals an getrennten Tagen ausgetragen. Franz startete Sonntag, den 10.09.2017, um 9:13 Uhr Ortszeit.

Somit blieben André etwa 6:13 Stunden, um den Erkner Triathlon zu beenden. Da André mit seinen angepeilten 6 Stunden deutlich übertrieben hatte, hatte Franz, mit einer Staffel-Wechselzeit von über 40 Minuten, genug Zeit seinen Neoprenanzug anzuziehen und sich in Ruhe in den Startbereich begeben. Der Wechsel aus Deutschland funktionierte problemlos und mit ausreichend Zeit.

Franz begab sich auf die Strecken über 1,9 Kilometer Schwimmen im Tennessee River, 90 hügelige Kilometer mit vielen Höhenmetern über den Lookout Mountain und dem abschließenden 21 Kilometer langen Halbmarathon durch die Stadt Chattanooga.

Die Schwimmstrecke verlief zu Anfang in Richtung des anderen Ufers und dann, die Hälfte der Strecke, direkt Flussaufwärts. Da der Fluss Strömung hatte, musste Franz aufpassen, dass er nicht durch die Strömung abgetrieben wird und so unnötig Energie verbraucht. Das Schwimmen gegen den direkten Strom funktionierte, auch wenn es etwas zäh war, da er deutlich langsamer war. Auf den ersten beiden Abschnitten des Schwimmens verlor Franz etwa 2,5 Minuten. Der Rückweg war dann mit dem Strom und natürlich dementsprechend schneller. Zwar konnte er den Rückstand nicht mehr aufholen, aber von den 2,5 Minuten, die er verloren hat, konnte Franz vielleicht wieder 0,5 Minuten aufholen. Das Ganze hat ihn aber nicht aus der Ruhe gebracht, da alle Athleten die gleiche Strecke schwammen sind und somit diese Verzögerung hatten.

Nach einem schnellen Wechsel vom Schwimmen aufs Rad, gab er direkt ordentlich Gas, um seine Stärke auf dem Rad zu nutzen. Nach weniger als 10 Kilometern kam der berüchtigte Anstieg zum Lookout Mountain. Mountain trifft es gut. Die nächsten 6 Kilometer ging es stetig bergauf mit einer Steigung zwischen 8 und 18 Prozent. Bis Kilometer 40 ging es wellig, gespickt mit kurzen aber sehr steilen Anstiegen, weiter. Nach 65 Kilometern auf dem Rad wurde es zäh und Franz merkte, dass er am Berg viel Energie aufgebracht hat. Zum Glück waren es „nur“ noch 25 flache bis wellige, Kilometer bis zur Wechselzone. Also deutlich weniger als eine Stunde Fahrtzeit. Zu diesem Zeitpunkt war es schon sehr warm und zumindest seine Beine waren schon sehr angeschlagen.

In 3:51 Minuten legte Franz den ersten Kilometer auf der Laufstrecke zurück. Dann kam der erste Berg und die Geschwindigkeit nahm, aufgrund der Höhenmeter, etwas ab. Das Tempo blieb aber weiterhin hoch. Die Beine fühlten sich noch ganz gut an und so verging ein Kilometer nach dem anderen relativ flüssig. Die knackigen Anstiege brachten Franz immer etwas aus dem Rhythmus, aber er versuchte eine flüssige Lauftechnik beizubehalten. Da er auf dem Rad scheinbar etwas zu viel Verpflegung zu sich genommen hatte, konnte er nichts auf der Laufstrecke essen und erst ab Kilometer 10 Wasser zu sich nehmen. Dazu musste sich Franz eher zwingen, da er nun schon knapp über 40 Minuten in der vollen Mittagssonne unterwegs war. An den folgenden Verpflegungsstationen nahm Franz jedes Wasser und Eiswürfel und kippte sie über den Kopf, um sich abzukühlen. Bei Kilometer 18 merkte er einen flauen und leeren Magen. An diesem Punkt noch was zu essen, hätte aber keinen Sinn gemacht. Es waren nur noch 3 Kilometer bis ins Ziel. Mit mentalen Spielchen wie “das läufst du zum Einlaufen, vor deinen Intervallen“ hielt er die Konzentration hoch und konnte die hohe Geschwindigkeit bis ins Ziel weiterlaufen.

Franz lief mit der Deutschlandflagge in den Zielbereich und genoss die großartige Stimmung und pure Erleichterung nach dem Zieleinlauf. Der Moderator sagte ihn und seine Herkunft durch. Von einem Helfer wurde er in Empfang genommen und bekam ein Willkommenspaket bestehend aus: Handtuch, einer kalte Flasche Wasser, ein T-Shirt, eine Mütze sowie eine kalte Cola, bevor er zu seiner Familie und das Finish feiern konnte.

Franz erreichte nach 4:44 Stunden das Ziel und belegte damit, in der starken Altersklasse 18-24 Jahre, den 45. Platz von 111 Teilnehmern. Mit Platz 443 im Gesamtfeld von über 2.400 Teilnehmern gehört Franz zu den schnellsten 20% Triathleten der Welt.

 

 

 

 

 

 

 

Die Einzelergebnisse aller Starter im Überblick:

Erkner Triathlon (Zeiten inkl. Wechsel):

Platz Athlet (Platz in AK) Schwimmen Radfahren Laufen Endzeit
89 Walther, André (19.) 00:39:26 03:02:55 01:50:05 05:32:26

 

IRONMAN 70.3® – Weltmeisterschaften (Zeiten inkl. Wechsel):

Platz Athlet Schwimmen Radfahren Laufen Endzeit
443 Bayer, Franz (45.) 00:32:29 02:32:24 01:34:10 04:44:34

AWa / FBa